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Von innen

Was als ehrliche Selbstkritik gemeint war, liest sich ein paar Wochen später wie eine Anklage.
Von innen
Basilica Santa Maria della Salute. Februar 2024

Die erste Lesung beginnt wie ein Liebeslied. Ich will singen von meinem Freund, das Lied meines Liebsten von seinem Weinberg. Der Freund grub den Boden um, las die Steine heraus, pflanzte edle Reben, baute in der Mitte einen Turm und hieb eine Kelter aus. Er hoffte, dass der Weinberg Trauben bringt, und er brachte nur faule Beeren.

Was hätte es für meinen Weinberg noch zu tun gegeben, das ich ihm nicht getan hätte, fragt er. In dem Satz höre ich die Enttäuschung von jemandem, der etwas aufgebaut hat, einen Betrieb, eine Abteilung, eine Familie, und am Ende kommt nicht heraus, worauf er gehofft hat. Hier schlägt das Lied um, und aus enttäuschter Liebe wird Zerstörung: Er reißt die Hecke heraus und die Mauer ein und lässt den Weinberg verwildern.

Gesungen wird das Lied von einem Propheten, der selbst zu den Leuten gehört, über die er singt. Am Schluss löst er das Bild auf: Der Weinberg ist das Haus Israel, und die Trauben, auf die gehofft wurde, waren Recht und Gerechtigkeit. Gekommen sind Rechtsbruch und das Geschrei derer, denen Unrecht geschieht.

Das Evangelium nimmt denselben Weinberg, mit Zaun, Kelter und Turm. Ein Besitzer verpachtet ihn und reist ab. Als er seinen Anteil holen lässt, werden seine Knechte geprügelt, getötet, gesteinigt. Er schickt mehr, es geht ihnen genauso. Zuletzt schickt er den Sohn, und die Pächter sagen: Das ist der Erbe, wir wollen ihn töten, dann gehört uns das Erbe. Jesus fragt die Zuhörer, was der Besitzer mit diesen Pächtern tun wird. Sie antworten: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und den Weinberg an andere verpachten. Damit haben sie über sich selbst geurteilt, denn die Pächter in der Geschichte sind sie.

Erzählt wird das Gleichnis von Jesus, einem Juden, vor den Hohenpriestern und Ältesten seines eigenen Volkes. Spätere christliche Leser haben daraus ein Urteil über die Juden gemacht, der Weinberg sei ihnen genommen und anderen gegeben worden. Über Jahrhunderte ist dieser Text so gelesen und gepredigt worden, mit Folgen, die man kennt. Die Selbstkritik wurde zur Anklage, als sie jemand von außen übernommen hat.

Das ist die dritte Härte dieses Sonntags, neben der Gewalt im Gleichnis und dem Liebenden, der seinen Weinberg einreißt. Und sie hat eine Form, die man auch im Kleinen kennt. Ein Team setzt sich hin und schreibt ehrlich auf, was schiefgelaufen ist, wir haben dies versäumt, wir haben jenes übersehen. Das Papier ist dazu da, dass man beim nächsten Mal klüger ist. Ein paar Wochen später zitiert ein anderes Team in der großen Runde daraus, eines, das mit diesem noch eine Rechnung offen hatte, und aus dem Wir ist ein Ihr geworden. Der Wortlaut ist derselbe, und es ist ein anderer Text.

Ob ein harter Satz hilft oder nur verletzt, hängt daran, von wo aus er gesagt wird. Jesaja urteilt über einen Weinberg, an dem ihm liegt, und er hofft noch, während er urteilt, sonst würde er kein Lied daraus machen.

Zugemutet liest jeden Sonntag die vier Texte der katholischen Leseordnung darauf hin, was sie über das Zusammenleben sagen. Die Texte sind vorgegeben, ich höre, was zu mir herüberkommt. Mehr dazu unter Worum es geht und im Werkstattbericht.

Hier die Texte dieses Sonntags: https://schott.erzabtei-beuron.de/jk27/SonntagA.htm?datum=2026-10-04&r=1