Was ich mir nicht ausgesucht habe
Ich lese seit Ende Juni jede Woche vier alte Texte auf eine einzige Frage hin: Was sagen sie darüber, wie Menschen miteinander auskommen. Die Texte suche ich mir nicht aus. Es sind die Lesungen, die in der katholischen Kirche an diesem Sonntag vorgetragen werden.
Für alle, die damit nichts zu tun haben, kurz das Verfahren. Im katholischen Gottesdienst wird nicht gelesen, was der Prediger passend findet. Es gibt eine Leseordnung, die für jeden Sonntag vier Texte festlegt, und sie stehen im ersten Teil der Messe, vor der Predigt: eine Lesung aus dem Alten Testament, ein Psalm, eine Lesung aus den Briefen des Neuen Testaments, ein Evangelium. Drei davon sind aufeinander abgestimmt. Der Psalm antwortet auf die erste Lesung, und die erste Lesung ist meist auf das Evangelium hin ausgesucht. Der Brieftext läuft unabhängig davon Woche für Woche weiter, deshalb passt er oft nicht zum Rest.
Das Kirchenjahr beginnt im Advent, und es gibt drei Lesejahre, A, B und C. In jedem steht ein anderes Evangelium im Vordergrund, Matthäus, Markus, Lukas, während Johannes sich über alle drei verteilt. Nach drei Jahren fängt der Zyklus von vorn an. Die Ordnung in ihrer heutigen Form stammt aus den Jahren nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil und gilt weltweit, in München und in Manila liegen am selben Sonntag dieselben vier Texte auf dem Ambo. Wir sind im Lesejahr A, noch bis zum Advent.
Was das bringt, ist zuerst eine Einschränkung. Ich bekomme die Texte zugeteilt, festgelegt Jahre im Voraus, ohne Rücksicht darauf, was mich gerade beschäftigt. Am 19. Juli war das die Geschichte vom Unkraut unter dem Weizen, die damit endet, dass die Schnitter das Unkraut verbrennen. Ich hätte diesen Text nicht gewählt. Er hat mir von allen fünf Sonntagen am meisten gegeben, weil ich mich mit einem Schluss beschäftigen musste, den ich sonst übergangen hätte.
Warum ich mir diese Einschränkung auferlege, hat mit meiner eigenen Arbeit zu tun. Ich beschäftige mich seit langem mit der Individualpsychologie Alfred Adlers und versuche, sie für die Gegenwart weiterzudenken. Bei so einer Arbeit läuft man Gefahr, überall Bestätigung zu finden. Man kennt seine Begriffe, man erkennt sie wieder, und nach einiger Zeit hat man eine große Sammlung von Fällen, die alle dasselbe zeigen. Ich wollte deshalb eine Ordnung, die ich nicht selbst gemacht habe und an der sich erproben lässt, ob meine Begriffe etwas taugen. Die Leseordnung ist dafür brauchbar, weil sie von meinem Vorhaben nichts weiß. Manchmal hält ein Begriff stand, manchmal komme ich mit ihm nicht weiter, und ab und zu holen die Texte etwas hervor, an das ich vorher nicht gedacht hatte.
Etwas davon schlägt sich nieder. Ich führe ein Handbuch konnektivistischer Grundbegriffe. Es ist nicht veröffentlicht und bleibt es auch, bis es etwas taugt. Die Sonntage sind inzwischen der häufigste Anlass, einen der Artikel wieder aufzumachen. Ein Text bringt einen Fall, der in die bisherige Fassung nicht hineinpasst, und dann wird nachgebessert, mal ein Satz, mal der halbe Artikel. Zwei der Begriffe sind im letzten Monat überhaupt erst an einer Lesung entstanden.
Wie ich die Texte lese: als Aufzeichnungen darüber, wie Menschen ihr Zusammenleben geordnet und worüber sie dabei gestritten haben. Vieles davon ist sehr alt, aufgeschrieben von Leuten unter ganz anderen Verhältnissen, und trotzdem bleiben sie an denselben Stellen hängen wie wir. Wer wen aufnimmt. Wer wem was schuldet. Wer dazugehört und wer nicht. Ich lese die Texte nicht als Glaubenszeugnis, und ich löse sie auch nicht auf. Wenn einer meiner Lesart widerspricht, schreibe ich den Widerspruch auf.
Wie ich Adler lese: Individualpsychologie heißt nicht Psychologie des Einzelnen. Individuum meint bei Adler das Unteilbare, den ganzen Menschen, den man nicht in Schichten und Instanzen zerlegen kann. Verstanden wird er von seinen Beziehungen her. Verhalten hat ein Ziel, auch wenn der Handelnde es selbst nicht kennt, und gefragt wird, wozu jemand etwas tut, nicht woher es kommt. Dazu gehört eine Haltung, die Adler Ermutigung nennt und die über Zuspruch hinausgeht: jemandem etwas zutrauen und ihm die Sache dann auch lassen.
So lese ich auch Adler selbst und die, die nach ihm weitergearbeitet haben. Ich höre, was zu mir kommt, und antworte darauf. Auch bei ihnen steht manches quer, und ich lasse es stehen.
Das ist die Brille, mit der ich lese. Eine Liste, die ich abarbeite, ist es nicht, aber an bestimmten Stellen höre ich genauer hin. Eine Frage hat die ersten Wochen bestimmt, weil die Texte es so wollten: Wird hier jemandem etwas zugetraut, oder wird er geführt und verwaltet. Das ist eine von mehreren Hinsichten. Eine zweite ist in denselben Wochen schon aufgetaucht, die Frage nach Zugehörigkeit und ihrem Preis. Bei der Frau, die dem Wanderer ein Zimmer einrichtet, steht daneben ein Satz über den Vorrang, der die eigenen Leute zurücklässt; beim Unkraut unter dem Weizen ist es das Sortieren in zwei Sorten Mensch. Andere Fragen werden dazukommen. Welche Hinsichten es insgesamt sind, steht auf der Seite Worauf wir schauen.
Drei Dinge machen mir bei der Sache Mühe, und alle drei haben mit mir zu tun und nicht mit den Texten.
Das Erste ist die Neigung, harte Stellen weich zu machen. Beim Unkraut-Sonntag hat es zwei Anläufe gebraucht, bis der Schluss stehen bleiben durfte. Im ersten Entwurf folgte darauf ein versöhnlicher Satz, irgendetwas über Umkehr und offene Türen. Der Satz war nicht falsch. Er stand an einer Stelle, an der der Text schweigt, und er räumte das Unbehagen weg, das der Text machen will. Eine Woche vorher stand im Entwurf ein Vers halbiert, weil seine zweite Hälfte der Lesart im Weg war.
Das Zweite ist, dass das Format zu leicht bestätigt. Vier Texte pro Woche sind viel Material. Wer mit ein paar Begriffen ankommt, findet fast immer eine Stelle, die dazu passt. Inzwischen werde ich bei einem Sonntag, der glatt aufgeht, misstrauisch. Meistens habe ich dann etwas übersehen.
Das Dritte ist ein Widerspruch, der in dem Verfahren steckt, und er erklärt die beiden anderen. Ich sage, ich lese, was vorliegt, und höre, was von dort kommt. Gleichzeitig komme ich mit Begriffen an, die ich mitgebracht habe. Beides stimmt. Wer ohne Vorannahmen läse, läse gar nicht, er buchstabierte. Aber die Vorannahmen arbeiten, auch wenn ich sie nicht abfrage, und sie arbeiten in eine Richtung: Sie machen aus dem Text einen Zeugen für das, was ich schon weiß. Ich habe dagegen keine Methode, nur eine Gewohnheit. Wenn ein Text nicht mitmacht, schreibe ich das auf und ändere lieber den Begriff als den Text. Das gelingt nicht jede Woche.
Bleibt die Frage, wozu das Ganze gut ist. Die haben mir die Leser beantwortet. Es sind sechs. Sechs Abonnent:innen nach einem Monat, und alle sechs öffnen jede Ausgabe. Mit sechs Lesern kann man nicht rechnen, aber man kann mit ihnen reden, und das ist in diesem Monat zweimal passiert.Am 5. Juli ging es um zweierlei Hilfe. Wer führt, kann ein verfahrenes Projekt an sich ziehen und sagen: Ich übernehme das. Er kann es auch dort lassen, wo es ist, und sagen: Wir bauen um, aber es bleibt deins. Ich hatte den zweiten Satz als die bessere Hilfe beschrieben, weil er dem anderen etwas zutraut, statt es ihm abzunehmen.Die Zuschrift schilderte denselben Fall von der anderen Seite. Eine Frau kommt aus der Elternzeit zurück, in ihrer Abwesenheit ist das Projekt umgebaut worden, und es liegt weiter auf ihrem Tisch. Formal bleibt es ihres. Gefragt hat sie niemand. Sie kann jetzt Ja oder Nein sagen zu etwas, das andere beschlossen haben, und beides ist keine gute Wahl. Mein Satz hört also zu früh auf. Es kommt nicht nur darauf an, wer die Arbeit danach macht, sondern auch darauf, wer vorher entscheidet, wie viel Arbeit es wird. Seitdem frage ich bei diesem Wir zuerst nach, wer dabei war, als umgebaut wurde.
Ein anderer Leser fragte nach Texten zur Nachhaltigkeit. Das hatte ich nicht vorgesehen und beim Nachsehen gemerkt, dass es im Herbst von selbst kommt. Die Leseordnung legt dann mehrere Texte vor, in denen es um Boden geht, um Weinberge und um Verpachtung, und die Frage, in welchem Zustand man das weitergibt, steht darin schon.
Eine Leserin hat es so gesagt: „Fragen, die man niemals durch eine Antwort ruinieren will." Besser hätte ich es nicht formulieren können, und es ist ungefähr das, was ich mit den Sonntagen vorhabe.
Am Sonntag liegt der nächste Text vor, und ich weiß noch nicht, was er hergibt. Wenn Sie mitlesen wollen, ist das der ganze Vorgang: Sie bekommen am Sonntagmorgen dieselben vier Texte, die überall sonst auch vorgelesen werden, einmal durchgelesen.
PS: In der Zwischenzeit sind es sieben Leser:innen (1. August)
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