Unterm Strich
In jedem Team gibt es eine ungeschriebene Buchführung. Wer beim letzten Mal eingesprungen ist, wer die undankbare Aufgabe genommen hat, wer um elf Uhr abends noch geantwortet hat. Der Stand ist nirgends festgehalten, und trotzdem könnte ihn jeder aus dem Kopf nennen.
Die Einträge sind einseitig. Die eigene Mühe sieht man von innen, die des anderen von außen. In meiner Buchführung steht, was es mich gekostet hat, was das Team davon hatte und was mir dafür zusteht. Es gibt so viele Konten, wie Leute im Team sind, und keines stimmt mit einem anderen überein.
Aufgemacht wird das Konto selten. Und wenn, dann geht es nie um den Punkt, der gerade ansteht, sondern um den Stand insgesamt. Dann kommt der Sommer vor zwei Jahren dazu und die Sache mit der Vertretung.
Wozu führt man es überhaupt? Es sichert einen Anspruch für den Fall, dass man ihn braucht. Es entlastet, weil man nicht jedes Mal neu entscheiden muss, wie großzügig man sein will. Und es sagt einem, woran man ist.
Im Evangelium dieses Sonntags fragt Petrus, wie oft er seinem Bruder vergeben muss. Siebenmal? Das ist großzügig gemeint, mehr als jeder verlangen würde, und es ist trotzdem eine Zahl. Er will wissen, wo der Strich ist. Die Antwort nennt keinen höheren Strich: nicht bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal. Siebzigmal siebenmal klingt nach einer Rechnung und ist doch keine. Es heißt: Hör auf zu zählen.
Dann erzählt Jesus ein Gleichnis. Ein Knecht schuldet dem König zehntausend Talente. Die Summe ist absurd, es ist mehr Geld, als in dieser Gegend im Umlauf war. Der König erlässt sie ihm ganz. Derselbe Mann trifft danach einen Kollegen, der ihm hundert Denare schuldet, ein paar Monatslöhne. Weil der nicht zahlen kann, lässt er ihn ins Gefängnis werfen.
Der Knecht hat recht. Hundert Denare sind hundert Denare, sein Anspruch besteht, und niemand im Gleichnis bestreitet ihn. Er führt zwei Konten: auf dem einen, was ihm erlassen wurde, auf dem anderen, was ihm zusteht.
Keiner von uns lebt sich selber, schreibt Paulus in der zweiten Lesung, und keiner stirbt sich selber; ob wir leben oder sterben, wir gehören dem Herrn. Den zweiten Teil hatte ich bisher überhört. Ohne ihn bleibt ein Satz über Verbundenheit, mit ihm wird er unbequemer: Keiner ist sein eigener Herr, und darum ist auch keiner der Herr des anderen. Wer ein Buch über jemanden führt, macht sich zu dem, dem der andere Rechenschaft schuldet. Bestellt hat ihn dazu keiner, außer er sich selbst.
Damit ist die Rechnerei nicht der Anfang der Trennung, sondern ihr Ausdruck: Der Knecht zerlegt die Welt nicht erst in zwei Seiten, er behandelt sie als längst zerlegt.
Die erste Lesung macht daraus keine freundliche Sache. Groll und Zorn festzuhalten sei abscheulich, schreibt Jesus Sirach, und wer Rache übt, an dem übe der Herr Rache. Wie kann einer, der am Zorn gegen den anderen festhält, beim Herrn Heilung suchen? Das ist eine veritable Drohung.
Im Gleichnis des Evangeliums geht es genauso aus. Die anderen Knechte sehen, was geschehen ist, und sagen es dem König. Der nimmt den Erlass zurück und übergibt den Mann den Peinigern. Er verhängt dabei nichts Fremdes über ihn, er vollstreckt das Maß, das der Mann selbst gewählt hat. Wer rechnet, muss es sich gefallen lassen, dass mit ihm abgerechnet wird.
Der Psalm ist der einzige Text an diesem Sonntag, der nichts verlangt und nichts androht. So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er die Schuld von uns. Da wird nichts beglichen und nichts ausgeglichen. Es wird weggetragen, und zwar so weit, dass niemand mehr nachsehen kann.
Zugemutet liest jeden Sonntag die vier Texte der katholischen Leseordnung darauf hin, was sie über das Zusammenleben sagen. Die Texte sind vorgegeben, ich höre, was zu mir herüberkommt. Mehr dazu unter Worum es geht und im Werkstattbericht.
Die Texte des vierundzwanzigsten Sonntags im Jahreskreis selbst finden sich hier: https://schott.erzabtei-beuron.de/jk24/SonntagA.htm?datum=2026-09-13&r=1
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