Doch noch
Ein Vater hat zwei Söhne. Er geht zum ersten und sagt: Geh und arbeite heute im Weinberg. Der antwortet: Ich will nicht. Später reut es ihn, und er geht doch. Dann geht der Vater zum zweiten und sagt dasselbe. Der antwortet: Ja, Herr. Und geht nicht. Welcher von beiden hat den Willen des Vaters getan, fragt Jesus, und die Antwort ist schnell gegeben.
Ich lese das nicht als Geschichte über Gehorsam, sondern über das, was in einer Antwort steckt. Das Ja des zweiten kostet ihn in diesem Moment nichts. Es erspart ein Gespräch, es hält den Frieden, und niemand muss sich erklären. Das Nein des ersten kostet sofort. Es ist Widerspruch, gegen den Vater, vor dem Tag, der Arbeit bringt.
Nur ist das Ja nicht immer bequem. Manchmal ist es das Einzige, was sich sagen lässt. Wer vor einem übermächtigen Anspruch steht, wer Angst hat oder schlicht keine Worte findet, sagt ja, weil ein Nein nicht zur Verfügung steht. Auffällig ist, dass der zweite Sohn seinen Vater mit Herr anredet, während der erste nur sagt: Ich will nicht. Von außen ist es leicht zu sagen, er hätte doch widersprechen können, solange man den Preis dafür nicht selbst zahlen muss.
In Sitzungen kennt man beide. Am Ende einer Besprechung wird verteilt, wer was übernimmt, und fast alle nicken. Das Nicken ist nicht gelogen, es ist in dem Augenblick wahrscheinlich ehrlich gemeint, nur hängt nichts daran. Und dann gibt es die eine, die sagt, das schaffe ich so nicht, oder, das halte ich für falsch. Es wird still, jemand seufzt. Zwei Wochen später ist sie die Einzige, die etwas vorzuweisen hat, weil sie sich als Einzige wirklich damit befasst hat.
Im Gleichnis bleibt keiner bei seinem ersten Wort. Der eine sagt nein und ändert sich, der andere sagt ja und ändert sich auch, nur zum Schlechteren.
Die erste Lesung sagt dasselbe, grundsätzlicher. Wenn der Gerechte sein gerechtes Leben aufgibt und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wenn der Schuldige von seinem Unrecht umkehrt, wird er am Leben bleiben. Ezechiel lässt niemanden auf seiner Vergangenheit sitzen, weder den Guten noch den Schlechten. Was zählt, ist, wohin einer als Nächstes geht. Und die Leute, denen er das sagt, finden es ungerecht: Der Weg des Herrn ist nicht richtig. Wer eine gute Bilanz hat, will, dass sie gilt.
In Organisationen setzt sich meistens durch, was die Leute bei Ezechiel verlangen. Dort hat jeder einen Ruf, und der Ruf entscheidet, was man einem zutraut. Wer einmal als unzuverlässig gilt, bekommt keine Gelegenheit mehr, es anders zu machen, und wer als verlässlich gilt, dessen Ja wird nicht mehr geprüft.
Am Ende des Evangeliums steht ein Satz, der mich umtreibt. Ihr habt es gesehen, sagt Jesus zu denen, die ja gesagt haben, und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt. Sie haben dabeigestanden, als andere sich bewegten, und sind stehen geblieben. Umdenken ist möglich, das ist die gute Nachricht dieses Sonntags. Dass es von selbst geschieht, sagt der Text nicht.
Zugemutet liest jeden Sonntag die vier Texte der katholischen Leseordnung darauf hin, was sie über das Zusammenleben sagen. Die Texte sind vorgegeben, ich höre, was zu mir herüberkommt. Mehr dazu unter Worum es geht und im Werkstattbericht.
Die Texte dieses Sonntags finden sich hier: https://schott.erzabtei-beuron.de/jk26/SonntagA.htm?datum=2026-09-27&r=1
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