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Nach dem Schweigen

Wer einmal einsortiert ist, von dem erwarten wir keine Kehrtwende mehr.
Nach dem Schweigen
Venedig, Chiesa Anzolo Rafaele, Dezember 2023

Eine Frau ruft hinter ihm her, weil ihre Tochter krank ist. Er antwortet ihr nicht. Kein Nein, keine Erklärung, nichts.

Wer schon einmal um etwas gebeten und keine Antwort bekommen hat, kennt das als die unangenehmste Form der Abweisung. Man weiß nicht, ob man gehört wurde. Man weiß nicht, ob man zu leise war oder das Falsche wollte. Man kann nicht einmal widersprechen, weil nichts dasteht, dem sich widersprechen ließe. Einfach nur Schweigen.

Wie jeden Sonntag hören wir, was aus den Texten der Liturgie zu uns herüberkommt. Für mich geht es heute um das, was nach dem Schweigen passiert.

Denn dann sagt er doch etwas, aber nicht zu ihr. Die Jünger bitten ihn, sie loszuwerden, sie schreie ihnen nach. Für mich klingt darin auch, dass man unter sich bleiben will. Seine Antwort geht an die Jünger: Er sei nur zu den verlorenen Schafen Israels gesandt. Sie steht dabei und hört, wie über ihren Fall geredet wird, in der dritten Person, mit einer Begründung, die keinen Spielraum lässt. Gegen eine Zuständigkeit kann man nicht argumentieren.

Sie kommt näher und wirft sich vor ihn hin. Herr, hilf mir. Jetzt spricht er sie an. Er sagt: Es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen.

Er nennt sie einen Hund. Eine Frau, die um ihr Kind bittet.

Statt zu resignieren, kämpft sie. Ja, Herr, aber auch die Hunde fressen von den Brotkrumen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Sie bleibt im Bild und dreht es um.

Darauf ändert er seine Haltung. Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Von diesem Moment an ist ihre Tochter gesund.

Die Heilung am Schluss ist nicht das, was mich an diesem Sonntag beschäftigt. Er hatte seine Ablehnung begründet und zweimal ausgesprochen, das zweite Mal sehr verletzend. Dann widerspricht ihm die Frau, die er gerade abgewiesen hat, und er nimmt es an.

Wer eine Zuständigkeit einmal formuliert hat, verteidigt sie meistens, und je unangenehmer das Gespräch wird, desto fester, denn man hat ja Gründe und hat sie sogar erklärt. Wer dann nachgibt, gibt zu, dass die Erklärung nicht getragen hat.

Schwer auszuhalten ist dabei vor allem, dass derselbe Mensch sie einen Hund nennt und ihr wenige Sätze später recht gibt. So ein Satz, von ihm, das kann doch nicht sein. Beim Lesen sucht man sofort nach einer Entschärfung. Vielleicht war es nicht so gemeint. Vielleicht wollte er sie nur prüfen.Man sucht so lange, bis das Bild wieder stimmig ist.

Mit Menschen machen wir es genauso. Einer ist der Zugewandte oder der Harte, der Großzügige oder der Rechthaber, und was nicht ins Bild will, legen wir zurecht, bis es wieder stimmt. Dabei ist in jedem beides am Werk, das Streben nach Geltung und das nach Zugehörigkeit, und zwar gleichzeitig und nicht nacheinander. Der Satz über die Hunde und der Satz, mit dem er ihr recht gibt, kommen aus derselben Stunde und aus demselben Menschen.

Wer einmal einsortiert ist, dem trauen wir die Rücknahme nicht mehr zu. Und wer merkt, dass er einsortiert ist, nimmt selten noch etwas zurück.

Zugemutet liest jeden Sonntag die vier Texte der katholischen Leseordnung darauf hin, was sie über das Zusammenleben sagen. Ausgesucht wird nichts. Mehr dazu unter Worum es geht und im Werkstattbericht.

Hier sind die Texte dieses Sonntags.