Bis zum Abend
Einer bekommt die Nachricht, dass der Mann, der ihn getauft hat, hingerichtet worden ist. Er nimmt ein Boot und fährt in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Als er anlegt, stehen die Leute schon da.
Das sind die ersten beiden Verse des Evangeliums an diesem Sonntag, und sie werden meistens überlesen, weil gleich danach etwas Größeres passiert: Fünftausend Menschen werden von fünf Broten und zwei Fischen satt.
Auch die drei anderen Texte reden von Fülle. Jesaja ruft die Durstigen ans Wasser und lädt ein, Brot und Wein zu holen, ohne Geld (Jesaja 55). Der Psalm sagt, dass Gott seine Hand öffnet und alles sättigt, was lebt (Psalm 145). Paulus beendet eine lange Passage mit dem Satz, dass nichts uns von der Liebe Gottes trennen kann (Römer 8). Wir hören, was herüberkommt. Für mich steht an diesem Sonntag das Bemerkenswerte im Nebensatz.
So beginnt das Evangelium an diesem Sonntag: „Als Jesus hörte, dass Johannes enthauptet worden war, zog er sich allein von dort mit dem Boot in eine einsame Gegend zurück."
Der Grund steht im Nebensatz, das Hauptverb ist der Rückzug. Die Leseordnung nennt den Tod, ohne die Umstände zu erzählen. Sie stehen ein paar Verse vorher: ein Geburtstagsfest, ein Tanz, ein Versprechen, das vor Gästen leichtfertig gegeben und dann vollzogen wurde.
Die Leute wissen von alledem nichts. Sie haben gehört, dass er da ist, und sind losgegangen, mit ihren Kranken, aus den Städten. Keiner von ihnen weiß, dass er an diesem Morgen eine Nachricht bekommen hat. Sie kommen zur Unzeit, und die Unzeit ist ihnen unbekannt. Wer etwas von einem anderen will, weiß meistens nicht, wie es bei ihm gerade steht.
Er sagt ihnen nichts davon. Kein Wort über Johannes, kein Hinweis, dass sie ungelegen kommen. Matthäus vermerkt nur, dass er die Kranken heilte und bis zum Abend blieb.
Wer eine Gruppe führt, kennt die beiden Fehler, die hier nicht vorkommen. Der erste ist der Vorwurf im Gewand einer Information: Ich sag's nur, damit ihr es wisst, ich hätte heute eigentlich frei. Danach läuft die Sitzung weiter, alle mit schlechtem Gewissen, und geholfen ist niemandem. Der zweite ist das Schweigen, das sich verzinst. Man sagt nichts, man macht weiter, und drei Wochen später gerät eine Kleinigkeit außer Verhältnis, ohne dass jemand die Rechnung zuordnen kann.
Am Ende des Tages werden alle satt, fünf Brote, zwei Fische. Matthäus erzählt es ohne Aufhebens, und die Trauer, mit der der Tag anfing, kommt nicht mehr vor.
Hier die Texte dieses Sonntags.
Zugemutet liest jeden Sonntag die vier Texte der katholischen Leseordnung darauf hin, was sie über das Zusammenleben sagen. Ausgesucht wird nichts. Mehr dazu unter Worum es geht und im Werkstattbericht.
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