Worum es geht

Worum es geht
Venedig. San Giorgio Maggiore in der Morgendämmerung.

Jeden Sonntag liest die katholische Kirche feste Texte, überall dieselben: eine Lesung aus dem Alten Testament, einen Psalm, oft einen Brief, ein Stück Evangelium. Wer hingeht, sucht sie sich nicht aus. Sie liegen schon bereit, bevor man ankommt.

Die Texte sind nicht nur vorgelegt, sie sind untereinander schon ein Gespräch. Die erste Lesung ist auf das Evangelium hin ausgewählt, der Psalm dazwischen ist die Antwort der Gemeinde, Antwort im Wortsinn. Wer zuhört, kommt in ein Wechselspiel aus Ruf und Antwort, das vor ihm schon läuft.

Angestoßen hat die Reihe eine Predigt, am 21. Juni 2026, in Santa Maria dei Carmini, der Kirche in meiner direkten Nachbarschaft hier in Venedig. Ein Sonntagmorgen, das Italienische nur halb verstanden, ringsum ältere Damen, die mit Fächern wedelten. Der Pfarrer hatte sich die Angst zum Leitmotiv genommen, paura, und fragte, ob es nicht einen privaten Glauben gebe, einen, den man nicht vor anderen bezeugen müsse. Das Evangelium des Tages, Matthäus 10, hielt dagegen: Fürchtet euch nicht — und wer glaubt, bekennt sich vor den Menschen. Niemand hatte diesen Text für diesen Sonntag ausgesucht, und doch stand er gegen den tröstlichen Gedanken, kaum dass er ausgesprochen war.

Das kam auf mich zu, ungefragt. Eine ungewohnte Lage für jemanden, der sonst seinen Stoff selbst wählt.

Wir lesen diese Texte einmal in der Woche auf eine Frage hin: Was sagen sie darüber, wie ein Mensch zugleich nach Geltung und nach Zugehörigkeit strebt, und was ihn dabei aufrichtet oder klein hält? Ein Motiv pro Woche genügt. Woher wir dabei kommen, ist keine Theologie, sondern eine bestimmte Art, auf Menschen zu schauen: die Individualpsychologie Alfred Adlers, die den Menschen von der Beziehung her denkt, nicht vom Einzelnen her. Das gehört zu einer größeren Arbeit, die wir konnektivistische Anthropologie nennen. Kennen muss man sie nicht, um mitzulesen.

Wir legen die Texte nicht aus. Was ursprünglich gemeint war, fragen wir nicht, und ob er wahr ist, entscheiden wir nicht. Das heißt nicht, dass wir den Anspruch entschärfen, der darin steckt. Keine Predigt, keine Widerlegung. Wir nehmen die Lesungen, wie sie sind: alte Texte, seit Jahrtausenden gelesen, gedeutet, vereinnahmt und nicht erschöpft. Wir halten unsere Frage nach dem Zusammenleben an sie und hören, was zurückkommt. Ob jemand glaubt oder nicht, ändert daran nichts.

Das Sperrige ist nicht die Ausnahme, sondern der Grund, warum wir lesen. Es sind religiöse Texte, sie halten nicht still als neutrales Material. Manchmal sagt einer etwas, das sich unserer Frage nicht fügt. Wer sein Leben verliert, wird es finden ist kein Rat fürs Büro und keine Lektion in Nächstenliebe. Solche Sätze lösen wir nicht ein, in keine Richtung. Wir lassen sie stehen.

Also eher fragend als schließend. Wir kommen seltener bei einem Ergebnis an als bei der nächsten Frage. Und wo zwei Dinge im Text nicht zusammenpassen, müssen sie das auch nicht.