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# Wo einer steht
- URL: https://zugemutet.lautenbacher.ai/wo-einer-steht/
- Published: 2026-08-30T06:00:00.000Z
- Updated: 2026-08-30T05:59:59.000Z
- Description: Es gibt Sitzungen, nach denen einer nichts mehr sagt, und man fragt sich, warum eigentlich.
- Author: Siegfried Lautenbacher
- Tags: Gleichwertigkeit, Doppelte Dynamik

[English text](https://lautenbacher.notion.site/Where-a-person-stands-3cb06a68845e81478e17f32d7a93f566?source=copy%5Flink)

Jesus sagt seinen Jüngern zum ersten Mal, dass er nach Jerusalem gehen, dort leiden und getötet werden wird.

Die Lesung des vergangenen Sonntags endete wenige Verse vorher. Dort fragt Jesus die Jünger, wofür die Leute ihn halten, und sie geben wieder, was man so hört. Petrus antwortet als Einziger mit einem eigenen Satz und wird dafür der Fels genannt, auf dem gebaut wird. Dazu bekommt er die Schlüssel, also die Vollmacht zu entscheiden, was gilt.

Ein Leser hat mir danach geschrieben, im Eintrag stehe zwar, dass Petrus sich festlegt, aber nicht, wozu. Ob einer aus Überzeugung so antwortet oder weil er sich damit seinen Platz sichert, sieht man ihm nicht an. Und ob einer, der sich so festgelegt hat, später überhaupt noch widersprechen kann, war die Frage, die offen blieb. 

Auch diesen Sonntag bleibt Petrus im Fokus: Er nimmt Jesus zur Seite, aber anstatt nachzufragen, ob er ihn richtig verstanden hat, weist er ihn zurecht. Das soll Gott verhüten, Herr. Das darf nicht mit dir geschehen. Jesus wendet sich um und sagt zu ihm: Tritt hinter mich, du Satan. Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.

Das sitzt. Die Antwort geht nicht auf die Sache. Nirgends steht, Petrus habe unrecht. Dass Leiden und Sterben schlecht sind, wird nicht bestritten. Bestritten wird der Maßstab, mit dem er gerechnet hat: er will, dass der andere am Leben bleibt. Die Härte liegt für mich dabei nicht im Wort Satan, sondern in dem Nebensatz danach. Darauf lässt sich nichts mehr sagen. Wer antwortet, bestätigt nur, dass er so denkt, wie ihm eben vorgeworfen wurde. Ihm bleibt schweigen, sich fügen oder gehen.

Dazu kommt, woher der Maßstab stammt, den er da benutzt. Er hat ihn vergangenen Sonntag bekommen, zusammen mit den Schlüsseln. Jetzt beruft er sich zum ersten Mal darauf, das soll Gott verhüten, und erfährt dabei, dass er nicht im Sinn hat, was Gott will.

Auch in Organisationen kommt das häufig vor. Eine Bereichsleiterin, seit sechs Wochen im Amt, ausdrücklich geholt, weil sie den Laden von unten kennt. In ihrer ersten großen Runde sagt sie, dass der Zeitplan für die Umstellung nicht hält, und sie sagt, woher sie das weiß. Die Antwort lautet, sie denke noch wie eine Abteilungsleiterin. Über den Zeitplan wird an diesem Tag nicht mehr gesprochen. Sie bleibt im Amt und sie bleibt in der Runde. Beim nächsten Mal bringt sie es nicht mehr vor.

Die erste Lesung dieses Sonntags kommt von einem, der nicht aufgehört hat. Sooft ich rede, sagt Jeremia, muss ich schreien, Gewalt und Unterdrückung muss ich rufen, und das Wort des Herrn bringt mir den ganzen Tag nur Hohn und Spott. Was er sagt, klingt für die anderen abwegig. Er hat nichts vorzuweisen als das, was er sieht, und darauf antwortet niemand. Man lacht über ihn. Das ist die billigste Weise, einen Einwand loszuwerden, weil sie keine Begründung braucht.

Für die anderen hat das Gelächter seinen Nutzen. Solange einer der ist, der immer damit anfängt, muss keiner prüfen, ob es stimmt. Es kostet sie nichts, funktioniert zuverlässig, und bezahlt wird es von ihm.

Jeremia will aufhören. Sagte ich aber, ich will nicht mehr in seinem Namen sprechen, dann brannte in mir ein Feuer, eingeschlossen in meinem Gebein, und ich vermochte es nicht auszuhalten. Er hat es versucht und konnte nicht. Dort endet die Lesung, vor jeder Antwort.

Das ist die Zange, in der Leute sitzen, die etwas früh sehen. Aufhören geht nicht, weil das Gesehene nicht verschwindet, wenn man es nicht mehr ausspricht. Weiterreden geht auch nicht, weil jedes weitere Mal bestätigt, wer man in dieser Runde ist. Wer da lange drinsteckt, wird nicht müde von der Arbeit, sondern vom Anrennen dagegen.

Für mich sind sich Jeremia und Petrus an diesem Sonntag sehr nahe. Keiner von beiden bekommt eine Antwort auf das, was er sagt, sondern eine über sich, der eine Gelächter, der andere den Satz über sein Denken.

Bei Petrus steht allerdings noch etwas anderes. Tritt hinter mich, hat er gehört. Einen Vers später sagt Jesus zu allen: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Hinter ihm, das ist beide Male derselbe Platz: der, auf den Petrus verwiesen wird, und der, auf den alle eingeladen werden. Was daran tröstlich klingt, ist es nur halb, denn man kann dazugehören und trotzdem verstummt sein. Die Bereichsleiterin kennt das.

Was wird eigentlich aus Petrus? Die Lesung sagt es nicht. Er stirbt Jahre später in Rom, hingerichtet, an dem Ende, das er dem anderen ausreden wollte.

*Zugemutet liest jeden Sonntag die vier Texte der katholischen Leseordnung darauf hin, was sie über das Zusammenleben sagen. Die Texte sind vorgegeben, ich höre, was zu mir herüberkommt. Mehr dazu unter* [*Worum es geht*](https://zugemutet.lautenbacher.ai/worum-es-geht/) *und im* [*Werkstattbericht*](https://zugemutet.lautenbacher.ai/nicht-ausgesucht/)*.*

Die Texte: [https://schott.erzabtei-beuron.de/jk22/SonntagA.htm?datum=2026-08-30&r=1](https://schott.erzabtei-beuron.de/jk22/SonntagA.htm?datum=2026-08-30&r=1&ref=zugemutet.lautenbacher.ai)