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# Vor der Ernte
- URL: https://zugemutet.lautenbacher.ai/vor-der-ernte/
- Published: 2026-07-19T06:00:56.000Z
- Updated: 2026-07-19T06:00:56.000Z
- Description: Wer sortiert, möchte zu den Richtigen gehören, und genau das ist das Problem. Von der Kraft, ein gemischtes Feld zu ertragen.
- Author: Siegfried Lautenbacher
- Tags: Gleichwertigkeit

[Englische Version](https://lautenbacher.notion.site/Before-the-Harvest-39806a68845e81fb9d80f8c6b2bfbb13?source=copy%5Flink)

Das Evangelium dieses Sonntags erzählt von einer Sabotage. Ein Mann hat guten Samen auf seinen Acker gesät; nachts kommt sein Feind und sät Unkraut dazwischen: ein Gras, das dem Weizen täuschend ähnlich ist, bis die Ähren kommen. Taumellolch heißt es, benannt nach dem Schwindel, den seine giftigen Körner machen. Als beides aufgeht, wollen die Knechte jäten, sofort. Der Hausherr verbietet es: Ihr reißt den Weizen mit aus. Die Wurzeln sind unter der Erde längst ineinander gewachsen; wer oben trennt, zerstört unten beides. Lasst beides wachsen bis zur Ernte.

Das Gleichnis ist eine der vier Lesungen dieses Sonntags. Wer der Reihe schon folgt, kennt das Verfahren: Die Leseordnung legt vor, ausgesucht wird nicht, und wir hören, was herüberkommt. Auf ihrem Feld steht Verschiedenes nebeneinander, und niemand jätet.

An diesem Sonntag allerdings lehnen die Stimmen zur selben Seite. Das Buch der Weisheit rühmt einen Gott, der in Milde richtet, gerade weil er über Stärke verfügt, und der den Sündern die Umkehr gewährt. Der Psalm (86) nennt ihn gütig und bereit zu vergeben. Der Römerbrief (Röm 8) traut nicht einmal dem eigenen Beten: Wir wissen nicht, was wir in rechter Weise beten sollen. Sogar das Nichtwissen wird gehalten. Mit dem Gleichnis sind es vier Stimmen für das Stehenlassen.

Der Drang der Knechte ist der unsrige. Eine Organisation baut um, ein Bereich wird neu geschnitten, und auf der Liste steht ein Kollege, den alle längst aussortiert haben: zu sperrig, zu langsam, passt nicht mehr. Was auf keiner Liste steht: das Vertrauen von zweien, das an ihm hängt, ein Wissen, das nirgends dokumentiert ist, das Binnenklima eines Flurs. Wurzeln sieht man nicht. Wer jetzt reißt, reißt mit.

Die erste Lesung hat auf den Drang eine Antwort, die man zweimal lesen muss: Milde kommt aus Stärke. Wer trägt, kann warten; wer sortiert, konnte in diesem Moment nicht tragen.

Für den Drang gibt es ein Wort, gefunden ausgerechnet in einem Kriminalroman. Gianrico Carofiglios Erzähler nennt ihn Ambiguphobie: die Unfähigkeit zu ertragen, dass eine Lage mehr als eine gültige Lesart zulässt. Die Knechte auf dem Feld sind ein früher Fall. Als sie fragen, sind die Ähren längst da; unerträglich ist ihnen also nicht die Verwechslung, sondern das Nebeneinander: ein Feld, das beides trägt und beides behalten soll. Lieber falsch trennen als richtig warten.

Dann entlässt Jesus die Menge und geht ins Haus. Dort fragen die Jünger nach der Erklärung, und die Antwort teilt ein: Der gute Same, das sind die Kinder des Reiches. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen. Der Feind ist der Teufel, die Ernte ist das Ende der Welt, die Schnitter sind die Engel. Das Unkraut wird gesammelt und in den Feuerofen geworfen; dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.

Die Geduld von eben steht noch, aber sie gilt jetzt der Frist, nicht dem Feld: Getrennt wird doch, nur später, und gründlicher. Und die Menschenkunde ist eine andere. Vorige Woche erzählte dasselbe Kapitel vom Sämann; ein und derselbe Same fiel auf vier Böden, und jeder Boden hatte eine Geschichte. Die Deutung dieses Sonntags kennt zweierlei Saat. In ihr ist einer Kind des Bösen, ehe er etwas getan hat.

Nur: Die Menge hat das nie gehört. Die Deutung fällt im Haus, hinter der Tür; draußen ist das letzte Wort das Wachsenlassen.

Und die Leseordnung wiederholt die Szene bis heute: Sie erlaubt eine Kurzfassung, die genau dort endet, wo die Menge entlassen wurde. Je nachdem, welche gewählt wird, hört eine Gemeinde an diesem Sonntag von der Geduld oder vom Gericht. Die erste Lesung hatte die Hoffnung verlesen, dass den Sündern die Umkehr gewährt wird. Umkehr und zweierlei Saat: Der Sonntag trägt beides und gleicht es nicht aus.

Ich wüsste gern, dass ich zum Weizen gehöre, und genau das ist das Problem. Die Sortierung tröstet die, die sich für Weizen halten; das Wachsenlassen tröstet die, die es nicht wissen. Und ganz zu trauen ist auch der Geduld nicht: Wer wachsen lässt, wartet ebenfalls auf eine Ernte; der Hausherr hat den Schnittern längst Bescheid gesagt. Auch meine Geduld hat vermutlich ein Datum. Nur die Sichel, das immerhin, liegt in beiden Fassungen nicht in meiner Hand.

Vor zwei Wochen stand hier eine Einteilung, mit der ich nichts anzufangen wusste. Inzwischen weiß ich, dass es zwei Arten gibt, sie zu hören: als Urteil über andere oder als Frage an mich. Das Gleichnis lässt beide wachsen. Bis zur Ernte.

Hier finden sich die [Texte zum Sonntag](https://schott.erzabtei-beuron.de/jk16/SonntagA.htm?datum=2026-07-19&r=1&ref=zugemutet.lautenbacher.ai)

Über Ambiguphobie und der Herleitung des Begriffs habe ich auf meinem Blog [The Logic of Courage](https://www.lautenbacher.photos/the-logic-of-courage/ambiguphobia-and-the-hospitable-mind?ref=zugemutet.lautenbacher.ai) geschrieben.