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# Unter uns
- URL: https://zugemutet.lautenbacher.ai/unter-uns/
- Published: 2026-09-06T06:00:46.000Z
- Updated: 2026-09-06T06:00:58.000Z
- Description: Wenn zwei sich streiten, ist die Gruppe nicht das Publikum.
- Author: Siegfried Lautenbacher
- Tags: Gemeinschaftsgefühl, Ermutigung

[English text](https://lautenbacher.notion.site/Between-us-3d206a68845e81f7b08cdd2b31566a39?source=copy%5Flink)

Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, sagt Jesus, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er nicht, dann nimm einen oder zwei mit, damit die Sache auf der Aussage von zwei oder drei Zeugen beruht. Hört er auch die nicht, sag es der Gemeinde. Hört er auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

Gedacht ist das als Gemeindeordnung. Ich lese es als Anweisung für Leute, die nach einem Streit miteinander weiterarbeiten müssen und denen nicht gleichgültig ist, ob der andere dabei unter die Räder kommt.

Hört er auf dich, so hast du ihn zurückgewonnen. Eine Eskalation zielt darauf, dass die Sache geregelt wird. Ob der andere danach noch da ist, spielt dabei keine Rolle. In dieser Ordnung ist genau das die Bedingung: Geregelt ist es erst, wenn er noch dabei ist. Wer eskaliert, holt mit jedem Schritt mehr Gewicht auf seine Seite; hier kommen Leute dazu, damit der andere noch eine Gelegenheit bekommt zu hören. Für mich sind das drei Versuche und keine drei Stufen.

Losgehen soll der, an dem gesündigt wurde, und nicht der, der es getan hat. Die Arbeit liegt bei dem, der am wenigsten Grund hat, sie zu tun.

In der ersten Lesung wird daraus ein Amt. Ezechiel wird als Wächter bestellt. Warnt er den Frevler nicht, wird dessen Blut von ihm gefordert; warnt er ihn und der kehrt nicht um, hat er sein Leben gerettet. Damit haftet er dafür, ob er den anderen anspricht. Wer geschwiegen hat, ist mit schuld, und wer geredet hat, ist heraus, auch wenn sich nichts ändert. In Organisationen gibt es das auch, meistens ohne Regel: Hinterher heißt es, jemand hätte doch etwas sagen müssen. Und es gibt die pflichtschuldigen Mahner, die am Ende vor allem sich selbst absichern.

Die Reihenfolge fällt mir auf. Erst geht einer allein hin, dann zu zweit oder zu dritt, dann sagt er es in der Gemeinde. In Organisationen wird sie meistens rückwärts genommen. Einer liefert seit Monaten zu spät, die anderen fangen es auf. In der Teeküche ist es seit Wochen ein Thema. Irgendwann sagt es jemand der Leitung, und im nächsten Jour fixe steht es als Punkt auf der Tagesordnung. Was er dort zuerst erfährt, ist nicht die Kritik, sondern dass alle es vor ihm wussten. Zur Sache kann er dann nichts mehr sagen, weil das Urteil vor dem Gespräch fertig war.

Es geht auch andersherum. Die Form wird eingehalten, unter vier Augen und mit Ankündigung, und trotzdem ist es keine Gelegenheit zu hören. Darf ich dir ein Feedback geben, fragt eine, und dann ledert sie los. Nein sagen geht nicht, das gilt als beratungsresistent, und hinterher heißt es, sie habe es doch nur gut gemeint. Wer wirklich will, dass der andere bleibt, redet anders.

Für mich ist die Ordnung im Evangelium darum keine Leiter nach oben, sondern ein Schutz davor, dass über einen geredet wird, bevor mit ihm geredet wurde. Jede Stufe hält den Kreis so klein wie möglich, so lange es geht.

Die Regel mit den Zeugen ist nicht neu, sie steht schon in den Büchern Mose: Eine Sache gilt erst, wenn zwei oder drei sie bezeugen. Es geht also um ein Verfahren. Die zweite Lesung gibt die Richtschnur dazu. Bleibt niemandem etwas schuldig, außer der Liebe, die ihr einander schuldet. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses, also ist sie die Erfüllung des Gesetzes.

Es geht also nicht darum, jemanden aufzugeben. Ein hoffnungsloser Fall, für mich gestorben, ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben: Das kommt von dem, der es sagt, und es verhängt etwas über den anderen. Im Evangelium hat einer sich durch sein Verhalten ins Außen gesetzt, nachdem er dreimal gefragt worden ist, und festgestellt wird nur, wo er inzwischen steht. Und es gibt ein Zurück. Zöllner sind bei Matthäus genau die, bei denen Jesus einkehrt und mit denen er isst, und der Mann, der das aufschreibt, war selbst einer.

Zwei Sätze später kommt der Satz, den jeder als Ohrwurm im Ohr hat, der in der kirchlichen Jugend war. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Hier steht er in einer Streitordnung, direkt hinter der Vollmacht zu binden und zu lösen, die diesmal nicht einem gegeben wird, sondern allen.

Wenn zwei sich streiten, gibt es zwei Wahrnehmungen, und wer lauter ist, behält oftmals recht. Mit einer Gruppe kommen nicht einfach mehr Leute dazu, jede mit ihrer eigenen Wahrnehmung. Es ist noch etwas anderes da. Wer eine Gruppe und ihre Dynamik erlebt hat, weiß vielleicht, was ich meine: Da ist eine Ebene über den Einzelnen, mit einem Gedächtnis und einem Ton, den keiner allein gemacht hat, und keiner verfügt darüber. Für mich ist es diese Ebene, der die Zusage gilt: Da bin ich mitten unter ihnen. Nicht dem, der die Vollmacht hat, sondern der Runde, die einen Streit auszutragen hat.

*Zugemutet liest jeden Sonntag die vier Texte der katholischen Leseordnung darauf hin, was sie über das Zusammenleben sagen. Die Texte sind vorgegeben, ich höre, was zu mir herüberkommt. Mehr dazu unter* [*Worum es geht*](https://zugemutet.lautenbacher.ai/worum-es-geht/) *und im* [*Werkstattbericht*](https://zugemutet.lautenbacher.ai/nicht-ausgesucht/)*.*

*Hier finden sich die* [*Texte der Sonntagsliturgie*](https://schott.erzabtei-beuron.de/jk23/SonntagA.htm?datum=2026-09-06&r=1&ref=zugemutet.lautenbacher.ai) *diesen Sonntags.*